Ein Glück, die Metal- und Rockszene floriert noch immer. Und auch wenn im Außen scheinbar alles den Bach runter geht, sind es doch die Stunden mit guter Musik, die einem den Moment wieder schmackhaft machen. Denn Musik ist immer auch ein Kanal zur Flucht, zum Eskapismus in der eigenen Positivität. Oder anders gesagt: Mit Musik ist alles besser. Umso schöner, dass auch das Jahr 2025 mit hochklassigen Veröffentlichungen im Bereich harter und weniger harter Rockmusik glänzen konnte. Dass diese Liste erneut nur einen schmalen Blick auf das Gros wertvoller Alben abbildet, macht die Vorarbeit zwar nicht einfacher, aber den Eindruck eines wertigen Musikjahres umso nachhaltiger.
1. Lorna Shore – I Feel the Everblack Festering Within Me

Hatte der Vorgänger „Pain Remains“ noch den Wind eines etwaigen Hypes im Rücken, müssen Lorna Shore mit „I Feel the Everblack Festering Within Me“ die Langlebigkeit ihrer musikalischen Klasse beweisen. Dabei beackern die Szene-Darlings mittlerweile deutlich mehr als nur die Symphonic-Deathcore-Schublade. Vom Fleck weg zeichnen sich Stücke wie der Opener „Prison Of Flesh“, oder das triumphale „In Darkness“ durch eine cineastische Klanggewalt aus, die einem Musikäquivalent zu Hollywoodfilmen gleicht, dabei aber auf den Überraschungseffekt und den Charme einer Indie-Produktion setzt. Denn trotz Brachial-Bombast reiben sich Will Ramos und CO. ihre Kanten keineswegs am polierten Sound der Musik ab. Viel eher untermauern Monumentalsongs wie das zwischen Majestät und Brutalität schwankende „Glenwood“, der Gladiatoren-Soundtrack „Lionheart“, oder das polyrhythmische Finster-Drama „Death Can Take Me“ die kompositorische Klasse Lorna Shores einmal mehr durch die Kombination von Unvorhersehbarkeit und brutaler Eingängigkeit, ohne dass subtile Elemente wie Verzweiflung, Angst und Wut in der Musik verloren gehen. Mit über einer Stunde Spielzeit machen es die Musiker dem Hörer jedoch nicht immer einfach, denn in puncto Energie und emotionaler Tiefe übertrumpfen sich Lorna Shore einmal mehr selbst. Aber spätestens nach dem Sperrfeuer „War Machine“, dem Bombast-Breakdown-Geballer in „A Nameless Hymn“ und dem epischen Breitwand-Abschluss „Forevermore“, der Tragik und Brachialität in Vollendung vereint, bleibt einem als Hörer erneut die Spucke weg, ob der Klasse dieser Band!
2. Der Weg Einer Freiheit – Innern

Dem Titel entsprechend dreht sich „Innern“ um innere Kämpfe, das Hadern des Menschen mit seinem Sein in einer Welt voller Gegensätzlichkeit und dem Konflikt von inneren und äußeren Zwängen, die jedwedem Freiheitsverständnis entgegenstehen. Dabei vertonen Der Weg Einer Freiheit einen musikalischen Abstiegsprozess von der äußeren Gegensätzlichkeit der Welt weg, hin zum menschlichen Selbst, das gewissermaßen Schöpfer und Gefangener der seiner äußeren Welt in einem ist. Dass sich das Album demzufolge schwer in einzelne Teile zerpflücken lässt, ist die logische Konsequenz aus diesem Konzept und hat zudem eine enorme Tiefe und ebensolches Entwicklungspotenzial zur Folge. Hier treffen Post-Rock-Melancholie und mechanisch wirkende Kälte aufeinander, während sich das schwarzmetallische Grundgerüst der Musik, mal als zerstörerisch-aggressives Mantra präsentiert („Eos“), oder aber anklagenden Gesang zu einem schmerzhaft intimen Ritt zwischen balladesker Innenschau und explosiver Zerstörungswut präsentiert („Fragment“). Elegie und emotionale Transzendenz schließen sich im Fall von „Innern“ ebenso wenig aus, wie Sehnsucht, Verzweiflung und Wut, dank der bildhaften Sprachgewalt von Frontmann Nikita beinahe plastisch auf den Hörer niederprasseln. „Forlorn“ bildet dann auch die abschließende Katharsis aus einem beklemmenden Wachtraum, der breitflächig Synthies mit elegisch-repetitivem Donnern verbindet, ohne den durchschlagenden Black Metal-Charakter zu verwässern. Damit fordert „Innern“ den Hörer einmal mehr auf, sich seinem inneren zu stellen und zeigt Der Weg Einer Freiheit einmal mehr als Innovatoren ihrer Szene, die sich im Grunde keiner Szene zugehörig fühlen.
3. Sleep Token – Even in Arcadia

Abgesehen von Hype und Bekanntheitsaufschwung der Briten Sleep Token, ist „Even in Arcadia“ ein spannender Genre-Kreuzer, der Metal im Zuckergewand ebenso zelebriert, wie er Electro mir HipHop und Anleihen progressiver Musik verbindet. Der größte Clou der Musiker ist es dabei einen Ohrwurm an den anderen zu reihen, ohne, dass poppiger Reggae („Caramel“) neben einer ätherisch arrangierten Piano-Mathrock-Ballade wie „Gethsemane“ fehl am Platz wäre. Die Metal-Elemente spielen, zwar kaum noch die Hauptrolle in der Musik, werden einem in Stücken wie dem verhalten ansteigenden Opener „Look to Windward“ umso vehementer vor den Latz geknallt, der sich sogleich in einen schmeichelhaften Rap-Ohrwurm verwandelt. Und dass Vessel ein ausgezeichnetes Händchen für Spannung und Hits hat beweist er auch mit dem folgenden „Emergence“, das vertrackte Breaks mit schmeichelhaft zuckrigem Gesang verbindet und sogar ein melancholisches Piano zum tragenden Hintergrundinstrument macht. Trotzdem fehlt es der Musik nicht an Biss und sogar der ein- oder andere Schrei der Verzweiflung schallt aus dem Hintergrund heran, ehe „Past Self“ als purer Trap/Pop-Radio-Hit das Blatt wendet und wieder in Richtung Zuckerwatte-Sound dreht. Mit „Dangerous“ servieren Sleep Token nicht nur einen bergmassivgroßen Ohrwurms, sondern beweisen ihr Händchen für geschickte Kniffe in Sachen Songwriting, was sie wenig später mit einer verträumten Piano-Ballade (der Titeltrack) unterstreichen. Eine weitere Stärke von „Even in Arcadia“ ist die Konsistenz der Musik, die zwar bisweilen sanft und leicht ins Ohr geht, aber eben nicht mehr daraus verschwindet und das, ohne nervig-seichtes Geplätscher zu servieren. Denn auch ein ätherischer Piano-Powerpop-Song wie „Gethsemane“ entwickelt sich gegen Ende zu einem modernen Groover mit Breitwandrefrain. „Infinite Paths“ mimt am Ende die schaurig-schöne Piano-Ballade, ehe verzweifelte Screams und modern drückender Groove ein Wechselbad der musikalischen Hochgefühle garstiger beenden, als es zunächst scheint.
4. Ghost – Skeletá

Waren alle bisherigen Ghost-Alben Konzeptwerke, gewährt Tobias Forge mit „Skeletá“ einen stärkeren Blick in sein Innenleben. Nicht ohne, die bandtypischen Metaphern bzgl. Satanismus etc. auszublenden. Musikalisch orientieren sich die Stücke deutlicher am AOR, was eine etwas luftigere Atmosphäre zur Folge hat. Der Fokus liegt nicht so stark auf den Gitarren, als vielmehr auf der Pop-verliebten Eingängigkeit, die Ghost seit Beginn ihrer Karriere auszeichnet. Stücke wie „Marks of the evil one“ bieten erneut Weltklasse-Hooklines, die sich eine gefühlte Ewigkeit ins Stammhirn einbrennen. Dass sich Ghost auch anno 2025 auf die große Inszenierung ihrer selbst verstehen, zeigen sie schon im Opener „Peacefield“, der riffbetont vorausrockt, ohne die nötige Prise Romantik zu verleugnen. „Lachryma“ baut die Liebe zum AOR im Anschluss aus, wobei die Basis des Stücks unverkennbar das Gitarrenriff bildet. Mit „Satanized“ folgt der erste Schritt gen Stadionrock, ehe „Guiding Lights“ als sanfte Ballade das Herz durchsticht. Danach darf aber wieder gefeiert werden. Wenigstens musikalisch, denn „De Profundis Borealis“ betont die Rockgitarre und entpuppt sich als griffiger Tanzohrwurm. Dank verschmitztem Groove geht „Cenotaph“ als lupenreine Achtziger Jahre-Hommage durch, ehe „Missilia Amori“ die ‘Love Rockets‘ zündet und haarscharf an einer (extravagant besseren) Kiss-Parodie vorbei schrammt. Das gilt auch für „Umbra“. Die Cowbell klopft einem die Melodien in den Kopf und still sitzen ist unmöglich, ob der Eingängigkeit des Refrains. Dass hier außerdem ein geschmackvolles Soloduell von Gitarre und Keyboard erklingt, lässt diese 80s-Hommage umso heller strahlen. „Excelsis“ beschäftigt sich zum Abschluss mit der Endlichkeit des Seins, kommt bisweilen introvertiert daher, hat aber erneut eine Breitwand-Hook zu bieten, womit Ghost ihrem Status als Musikphänomen erneut gerecht werden.
5. David Judson Clemmons – Everything a War

Wenn alles kämpft, ist große Gestik selten weit. Denn der Mensch braucht bildgewaltige und aufbrausende Schlagworte um sich für den Krieg begeistern zu lassen. So traurig diese Feststellung ist, so sehr kann Kunst und Musik als Mahnmal für Frieden, Harmonie und Selbstreflektion dienen. Denn die individuellen Kämpfe, die jeder Mensch mit sich austrägt, sollten niemals auf das Kollektiv übertragen werden. In Zeiten gemeinschaftlicher Dysfunktionalität in denen machtgeile Philantrophen ihren Einfluss einer korrupten Welt- und Landespolitik aufzwingen wollen (Stichwort: NGOs), ist es umso wichtiger, dass sich Kunst per se und Musik im Speziellen als aufklärendes Element begreift, das die Menschen eint, anstatt sie zu spalten. Darauf bezogen ist David Judson Clemmons‘ Albumtitel „Everything a War“ mitnichten zynisch oder gar kriegsgeil zu verstehen. Vielmehr nimmt der Mann Stellung zu den inneren Kämpfen, die jeder Betroffene mit sich, aber auch mit seinem Umfeld im Alltag auszutragen hat. Dass das Album derweil vordergründig entspannten Progressive Rock mit allerlei Indie- und Alternative Rock-Bezügen bietet, lässt die Herangehensweise des Musikers abgeklärt und doch emotional aufwühlend erscheinen. Ein Titel wie „No Fear, No Love, No Lie“ trifft den Nagel auf den Kopf. Beschreibt er doch den Angstporno-Apparat, der von den Medien in den letzten Jahren aufgebaut wurde, mit einprägsamen Schlagworten. Denn ohne Angst kann sich die Liebe zum Leben vorbehaltlos entfalten, wobei die Lüge die zentrale Triebkraft von Spaltung und Misstrauen und damit der essenzielle Gegenspieler der Liebe ist. Ob dieser tiefschürfenden Themen, die David Judson Clemmons auf „Everything A War“ behandelt, verwundert die Melancholie, die in der Musik mitschwingt kaum. Aber der Mann ist kein Schwarzmaler, wie er in „Truce“ erklärt. Zeilen wie „I’m having the time of my live,….I’ll never be enough to please them…“ sind keine hohlen Phrasen, sondern Feststellungen, die von menschlicher Reife zeugen. Denn wer sich auf sein eigenes Wohl fokussiert, ohne sich anzubiedern, der trägt zur allgemeinen Heilung bei. Ganz nach dem Motto: ‘Willst du etwas ändern, beginne bei dir selbst.‘ Dass diese Veränderung keineswegs zum Fürchten ist, stellt David Judson Clemmons in „Songs in the Key of you“ klar. Der musikalische Aufbruchcharakter zeugt von Herzkraft und Haltung, die sich im Finale „The Old World Is Gone“ auf den Heimweg in unbekannte Gefilde macht. So sanft die Musik klingt, so sehr brausen die Emotionen in dem von Streichern getragenen Refrain auf, ehe sich Ruhetäler auftun, nach denen jede weitere Zeile das Herz noch tiefer berührt. Die alte Welt war gestern, aber im Heute liegt das Potenzial für Neues, für gelebte Liebe und eine hoffnungsvolle Zukunft.
6. The Great Sea – Noble Art of Desolation

The Great Sea entführen mit ihrem Debüt „Noble Art of Desolation“ in die Tiefen des Meeres, das hier als Metapher für Anfang und Ende, für Leben und Tod stehen könnte. Denn alles Leben scheint einst aus dem Meer gekrochen zu sein und das nasse Grab ist nicht nur bei Seefahrern eine Möglichkeit des Ablebens. Dass die Musik entsprechend melancholisch und zugleich roh und wild klingt, passt zum Meeresmotiv wie die Faust aufs Auge. Dabei finden sich beklemmende Gitarrenmelodien voller Sehnsucht (u.a. am Ende von „The Water Remains“), neben kathartischen Stürmen wie „Eden Unfold“ das von sG (Crone, ex-Secrets Of The Moon) zu einem vielschichten Epos voller Verzweiflung veredelt wird. Diese Qualität zieht sich durch sämtliche Songs und gerät bisweilen in stürmische Gewässer (das aufbrausende „The Maze“ trifft zielgenau da wo es wehtut). Auch „No Peace Among Men“ (mit Gràbs Azathoth am Gesang) verströmt eine dystopische Stimmung, die sich von grollendem Black Metal hin zu getragenem Post Rock entwickelt, dessen Melodien bisweilen (ironischerweise) hoffnungsvoll klingen. Dass diese Hoffnung jedoch trügt, wird am Ende des Songs mehr als deutlich, denn zu tragischen Streichern verkündet Azatoth grollend die Abwesenheit von jeglichem Frieden. Nach dem erhaben schreitenden „Upright in Nothing“ endet „The Water Remains“ in schmerzhafter Melancholie, die von Hauptsänger A. stets mit einer leicht depressiven Note vorgetragen wird. Ein Titel wie „Walking At The Edge Of Death“ bündelt getragene Grooves mit Synth-Elementen, die wie Regentropfen einen großen Strum ankündigen und fasst die fatalistische Stimmung ebenso passend in Worte, wie er der Ehrfurcht vor der Natur und der ihr zugrundeliegenden Kraft eindrucksvoll in Musik bündelt. Mit fatalistischem Black Metal gegen die Existenzkrise? Vielleicht… Möglicherweise liegt der Hund aber auch in der schlichten Akzeptanz des Endlichen begraben. Die passende Musik dazu haben The Great Sea auf jeden Fall geliefert.
7. Gràb – Kremess

Gràbs „Kremess“ ist zugleich der (nicht ganz freiwillige) Schwanengesang der Black Metaller aus Bayern. Der Titel, der in altbayrischem Dialekt den Leichenschmaus bezeichnet, ist insofern auch eine treffende Metapher für das Ende der Band, die mit dem Vorgängeralbum ein Gerne-Highlight des Jahres 2021 abgeliefert hat. Das Zweitwerk muss also einer nicht zu verachtenden Erwartungshaltung standhalten. Für Bandkopf Grànt und seine Hintermannschaft scheint das aber ein Leichtes zu sein. Denn Stücke wie „Kerkermoasta“ vermählen frostige Riffs mit einer verweht-sehnsüchtigen Stimmung, während Grànt in bewährter Mundart vom Tod und seinem Schaffen singt. Dabei erinnern Sound und Ästhetik an die Anfangszeit des norwegischen Black Metals, der mit der Sprachgewalt und der Emotionaliät der deutschen Szene gekreuzt wird. Instrumente wie ein Hackbrett verleihen Stücken wie „Im Hexnhoiz“ eine tragische Note, die das Covermotiv vom Tod im Schnee nicht besser in Musik einfangen könnte. Diese Stimmung spinnt „Vom Gråb Im Moos“ weiter, wobei die Melodien von Hackbrett und Gitarre mit jeder Minute mehr Melancholie offenbaren. Gleichzeit ist das Stück ein clever arrangiertes Mini-Epos über das Sterben und die damit verbundenen Emotionen. Dass hier also Tragik, epische Melodien und gramgeschwängerte Schönheit in der Musik zutage treten, vermittelt ein rundes Bild der erzählten Geschichte. „Deifeszeig“ dagegen bricht sich rasant Bahn, ohne die epischen Gitarrenmelodien zu vergessen. Gleichzeitig zeigt Grànt sein ganzes Können und gibt sich dunklem Grollen, verzweifeltem Raunen und fiesen Schreien hin. Der rhythmische Break in der Mitte des Stücks mündet in theatralisch angehauchtes Midtempo, das am Ende von sakralen Chören getragen wird. „Waldeinsamkeit“ vermittelt als akustisches Zwischenstück das titelgebende Gefühl mit archaisch anmutendem Stoizismus, ehe „Dà letzte Winter“ ein knapp zwölfminütiger Abstieg in das Thema Todessehnsucht ist. Verschleppter Groove und Trauerweiden-Gitarren erzeugen ein Gefühl von innerer Kälte, das von Grànts Stimme in Richtung Akzeptanz des Endlichen und letztendlich sogar die freudige Erwartung des eigenen Endes, zugespitzt wird. Gleichzeitig liegt in der Komposition eine Ruhe, bzw. eine verkappte Schönheit (man lausche dem Gitarrensolo), die tief unter die Haut geht. Dass hier das Hackbrett eine tragende Rolle in der Gestaltung der Melodien einnimmt, sorgt für ein depressives Flair, das zugleich wunderschön und eingängig klingt, aber auch zu Tränen rühren kann. Ein größeres Kompliment kann es für ein Black Metal Album zum Thema Tod eigentlich kaum geben.
8. Sister – The Way We Fall

Die Schweden Sister ziehen ihren Sleaze Rock auf „The Way We Fall“ immer noch durch einen gehörigen Schwermetall-Filter, der bisweilen auch mal die Black Metal-Linse aufsetzt. Das hat zur Folge, dass die Gitarren hier immer einen Tick schärfer riffen, als es für das Genre üblich scheint und auch der kratzig-gallige Gesang klingt erfreulich scharfkantig und hakt sich einem Widerhaken gleich im Ohr fest. Die Musik drängt energisch voran, wie im Einstieg „The Way We Fall“, verliert den großen Refrain aber niemals aus den Augen. Stücke wie „Blood Sacrifice“ verbinden eine düster-makabre Atmosphäre mit krachenden Riffs und Volltreffer-Melodien, die sich sofort im Ohr festsetzen. Dabei klingen Sister immer ein My schwermetallischer als ihre Szenekollegen und preschen mit einer Nummer wie „Rose Red“ gekonnt in Richtung Grusel-Melancholie vor, was sich u.a. in feinen Gitarrensoli manifestiert. Den theatralischen Wendepunkt der Scheibe bildet „Let Me Be Your Demon“, bei dem Linda Varg im Duett mit Jamie Anderson die melancholisch-verschleppte Stimmung mit ihrem kraftvoll-rauchigen Timbre veredelt. Davor gibt’s in „Tanz der Toten“ schwarz angestrichenen Krachrock, der kaum schmissiger klingen könnte, gleiches gilt für „Die To Live“, das wie gemacht für schweißtreibende Live-Shows ist und herrlich kraftvolle Mitbrüll-Momente bietet. „When She Dies“ setzt am Ende auf makabre Gruselstimmung, was sich u.a. auch am Gesang von Jamie Anderson zeigt, der klingt als ob er eine zusätzliche Handvoll Glassplitter geschluckt hätte. Insofern überzeugen Sister hier durch schmissige Songs, die sofort ins Ohr gehen, ohne in genretypische Haarspray-Plattitüden zu verfallen. Stattdessen trägt die Schwester nach wie vor ein gepflegtes, leicht verdrecktes Schwarz.
9. Messa – The Spin

Messa bündeln auf „The Spin“ seelenschwarze Genres wie Doom Metal, eine Prise Gothic, aber auch freigeistigen Siebziger Jahre Prog-Rock, eine Prise Ambient und New Wave-Eklektik. Ähnlich wie ihre artverwandten Kollegen von Dool schaffen es die Italiener eine atmosphärische Tiefe zu erzeugen, die eine nervenaufreibende Grundspannung mit eingängigen und manchmal proggig angehauchten Melodien verbindet, ohne allzu verkünstelt zu wirken. Der Gesang von Sara Bianchin wirkt bisweilen von Genres wie Jazz, aber auch von unkitschigem Gothic inspiriert und ergänzt die warmen Melodien, die in Stücken wie „At Races“ vornehmlich von Bass und Gitarre erzeugt werden, um eine etwas kühlere Atmosphäre. Im Wave-affinen Ohrwurm „Fire on the Roof“ schleichen sich derweil hypnotische Synthies ein, während sich „Immolation“ von einer intimen Klavierballade zu einem eindringlichen Groover entwickelt. Dabei ist die Stimme von Sara Bianchin sicher ein wesentlicher Faktor für die intime Energie der Musik, die zugleich bis zum Bersten angespannt wirkt und sich dennoch einer gewissen Eklektik hingibt. Vor allem wenn sich die Melodien in langsamerem Tempo in Zurückhaltung üben und lediglich in den jeweiligen Refrains Doom-affin hervorbrechen („The Dress“), weiß die Musik emotional zu bewegen und aufzuwühlen. Gleichzeitig finden die Stücke aber immer wider die Kurve hin zur Entspannung, etwa wenn sich ein Saxofon leicht jazzig austoben darf, oder wenn die Slide-Gitarre im Western-affinen Stil ausgepackt wird. Wobei gerade besagtes Intro von „Reveal“ eher der Ruhe vor dem Sturm gleicht. Denn der Song groovt in staubigem Wüsten-Feeling voran, wodurch der Gesang nochmal ein Stück ätherischer wirkt und trotzdem direkt ans Herz geht. Insofern erscheint „The Spin“ auf Anhieb vielleicht wie ein Album voller musikalischer bzw. emotionaler Widersprüche, allerdings zieht die Musik den Hörer von der ersten Sekunde in ihren Bann. Denn das Herzblut der Musiker trieft aus jeder Note, was den Suchtfaktor des Albums unterstreicht.
10. Architects – The Sky, The Earth & All Between

Auf „The Sky, The Earth & All Between“ geben sich die Architects vielseitig wie lange nicht und vereinen brutale Metalcore-Schwarten mit eingängigen Hoolines, wobei manche Stücke ganz bewusst am Pop-affinen Mainstreamrock schnüffeln. Schon der Einstieg „Elegy“ zeigt wozu die Briten mittlerweile in der Lage sind und haut nach einem sanft melodischen Start derart aggressiv drauflos, dass es dem Alt-Fan warm ums Herz wird, ohne im Refrain die gewohnte Eingängigkeit missen zu lassen. „Whiplash“ und „Blackhole“ öffnen sich dann in Richtung elektronischer Einflüsse und vereinen kreatives Songwriting mit tanzbaren Haudrauf-Riffs. Dass Sam Carter sämtliche Register seiner Stimme zieht und sich scheinbar mühelos vom Brüllaffen zum Schmacht-Sänger wandelt, zeugt vom stimmlichen Selbstbewusstsein des Herren, der sich mit dem Refrain von „Blackhole“ mal eben einen Stadion-Hit aus dem Ärmel schüttelt. Aber auch neuen Einflüssen verschließen sich die Architects nicht und featuren in „Brain Dead“ die Neulinge von House Of Protection. Das Ergebnis tönt punkig und überrascht hinten raus mit einem zähen Breakdown, der eine passende Brücke zu „Evil Eyes“ baut. Es donnert sperriger, wobei der Refrain erneut poppige Züge trägt und auch der dramaturgische Aufbau (inklusive Orchester und elektronischen Sounds) wirkt bisweilen überlebensgroß inszeniert. Stücke wie das elektronisch verspielte „Judgement Day“ kommen dagegen beinahe entspannt und locker daher, wobei sich Sam Carter auch nicht für tiefes Brüllen zu schade ist, was einen herrlichen Kontrast zum Pop-affinen Frauengesang im Refrain bildet. „Broken Mirror“ und vor allem der schmachtende Abschluss „Chandelier“ setzen in puncto Eingängigkeit noch einen drauf und betonen die introvertiert nachdenkliche Seite der Band. Dazwischen finden sich mit dem, zwischen Knüppelei und Schmacht-Refrain pendelnden „Curse“ und dem Kinderchor-meets-brachial-Breakdown Stampfer „Seeing Red“ nochmal zwei Haudrauf-Nummern, die ein wenig von dem ursprünglichen Metalcore-Spirit der Architects atmen. Das größte Kunststück dieses Albums ist aber wohl, dass die Architects in ihrem Tun, egal welche Kerbe ihres Sounds sie gerade bedienen, niemals künstlich oder aufgesetzt wirken und sich die Basistreue ihrer Anfangszeit hörbar bewahrt haben.
11. Heaven Shall Burn – Heimat

Unabhängig davon inwiefern das Wort „Heimat“ in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte gedeutet wird, legen Heaven Shall Burn mit ihrem zehnten Album erneut ein mitreißendes Extrem Metal Werk vor, das allein durch seinen Titel zum nachdenken, streiten und diskutieren anregen will und soll. Dabei klingen die Thüringer bisweilen ein Stück entschlossener und wütender als zuletzt. Das liegt u.a. an der präsenter herausgeschälten Hardcore-Attitüde, Stücken wie „Those Left Behind“ innewohnt. Gleichzeitig bleibt aber auch die orchestrale Epik des Vorgängers erhalten (und das nicht nur in der Songklammer „Ad Arma“/„Inter Arma“). Denn Stücke wie „Ten Days in May“ oder auch das marginal Melodic Death Metal/Doom Metal-Luft schnüffelnde „A Silent Guard“ transportieren eine kämpferische Aufbruchstimmung, ohne aufrührerisch zu wirken. Inwiefern Heaven Shall Burn dabei den passenden Finger in die jeweilige Wunde der Gesellschaft legen, ist Ansichtssache. Denn als politisch links stehende Band, als die sich die Herren stets selbst verstehen, bleiben Fragen nach einem Bewusstsein für den wirklichen Wert von Heimat natürlich nicht aus. Aber im Kontext von Musik bzw. Kunst per se, ist eine solche Diskussion durchaus wünschenswert. Denn Kunst darf aufregen, muss aber im Gegenzug auch konträre Meinungen zulassen und in den Dialog mit einbeziehen. Inwiefern es da sinnvoll ist politisch Stellung zu beziehen, indem explizit betont wird, dass die Chöre, die auf dem Album zu hören sind, aus der Ukraine stammen, ist zumindest diskussionswürdig. Mit der Musik als solche hat dieser Umstand freilich wenig zu tun, denn Heaven Shall Burn liefern erneut ein Brachial-Feuerwerk zwischen Death Metal, Metalcore und clever arrangierten Songs ab.
12. Orbid Culture – Death Above Life

Obwohl der Soundwall von „Death Above Life“ den Hörer zunächst erschlägt, schält sich aus dem aggressiv-kühlen Stil von Orbid Culture bisweilen eine düstere Dringlichkeit heraus, die sich u.a. im klagenden Gesang des Openers „Infera“ breitmacht. Hinzu kommen immer wieder symphonische Elemente, die den Sound der Schweden zusätzlich auffüllen. Mit „Bloodhound“ folgt aber erstmal eine kräftige Groove-Schelle, die mit Stakkato-Riffs und derber Aggression ihrem Titel alle Ehre macht. „Inside the Waves“ rückt im Anschluss die Melodien in den Fokus und bietet einen Refrain der sofort zündet, ohne auf riffbetonte Strophen zu verzichten. „The Tales Of War“ verbindet die kühle Sperrigkeit der Riffs mit einem symphonisch orchestrierten Refrain, der schnell ins Ohr geht, ehe „Hydra“ den modern-stampfenden Soundansatz erstmals auf die Spitze treibt und die Melodien mehr oder weniger komplett im Sack lässt. Als Ausgleich dazu gibt sich „Nerve“ klassischem Melodic Death Metal hin, ehe der Titeltrack machtvoll aus den Boxen stampft und mit seiner Kombination aus kühl-sperrigen Riffs und einem prägnanten Refrain wie gemacht ist für livehaftige Moshpit-Eskalation. „The Storm“ zeigt aber auch das Orbid Culture durchaus ein Händchen für klassische Hartmetall-Hits haben, denn die Melodien und der Refrain gehen sofort ins Ohr, da kann der Sound noch so ballern, hier ist Bewegung vorprogrammiert. „Neural Collapse“ setzt im Anschluss auf kraftvollen Groove, wobei der Bass den Sound wie Blitze durchzuckt, was die kühl-brachiale Stimmung der Nummer passend visualisiert. Zum Schluss gibt’s mit „The Path I Walk“ aber noch eine Überraschung. Denn mit einer derart intensiven Ballade, die völlig frei von metallischer Härte immer intensiver und emotionsgeladener wird, war am Anfang der Platte nicht zu rechnen.
13. Wolvennest – Procession

Wolvennest erschaffen mit „Procession“ Musik zwischen Trance und Trümmern, klingt ihre Symbiose aus hypnotischem Doom Metal, repetitiv-rituellen Riffs und der ätherischen Stimme von Sängerin Shazzula doch wie eine vertonte rituelle Messe irgendwo im Halbdunkel eines feucht-kargen Gemäuers. Dabei zieht die Musik den Hörer beständig tiefer in ihren Bann, umgarnt ihn mit schmeichelnden Melodien, während die Stimmung, nicht zuletzt Dank dem durchdringenden Gesang diverse Schattierungen abbildet und vom treibenden Gothic-Flair des Openers „Another Nail“, über eine ergreifende Doom-Hymne wie „Décharné“, bis hin zum finalen Sturm „The Last Chamber“ eine breite Palette düsterer Empfindungen vertont. Da passt auch der hypnotische Ansatz der Riffs, der sich bis zum Finale des Albums mit jedem Song steigert um am Schluss in einem musikalischen Würgegriff zu enden, dessen Riffs erbarmungslos, aber stets verschleppt und durch die Hintertür auf den Hörer niederprasseln. Gleichzeitig sorgen Instrumente wie ein Theremin für eine mystische, außerweltliche Stimmung, die sich in einem Stück wie „Burial“ mit einem spannenden Neo-Folk-Ansatz verbindet und damit zwischen Licht und Dunkel zu pendeln scheint. Insofern könnte ein Titel wie „Hunters“ auch die Qualität der Musik generell bezeichnen. Nicht nur, dass Wolvennest immer wieder wie auf angespannter Lauer liegen, um den Hörer mit dem nächsten Zerr-Riff herauszufordern. Auch das stimmungsvolle Auf und Ab zwischen Dringlichkeit und fast Black Metal-affiner Aggression (der Gesang), zeugt vom markant-kantigen Charakter der Musik, die emotional aufwühlt und auslaugt. Ganz ähnlich wie es bei der An- und Entspannung vor, während und nach einer Jagd der Fall ist.
14. Amorphis – Borderland

Der Vorwurf Amorphis würden seit dem Einstieg von Tomi Joutsen mehr oder weniger immer den gleichen musikalischen Stiefel durchziehen, mag nicht ganz daneben liegen. Aber er trifft eben auch nicht ins Schwarze. Dabei hatten die Finnen zuletzt einen Lauf auf Hochtouren, denn das Konzept-Trio, bestehend aus den drei Vorgängeralben „Under the Red Cloud“, „Queen of Time“ und „Halo“, zählt nach wie vor zum Besten was die Band bis dato abgeliefert hat. Anno 2025 bewahren sich Amorphis ihren Mut zu Experimenten ebenso, wie sie ihrem Stammsound treu bleiben. Das hat u.a. zur Folge, dass „Borderland“ wieder luftiger und verspielter klingt als sein direkter Vorgänger, was die Musik insgesamt lockerer und eingängiger macht. Dabei vollziehen Stücke wie „Light and Shadow“ immer noch den bandtypischen Spagat zwischen Melancholie, verspielter Melodik und der nötigen Portion Härte. Wobei gerade das Death Metal-Herz, das bei „Halo“ so ausgiebig bedient wurde, diesmal etwas zurückstecken muss. Denn Amorphis leben, abgesehen von dem progressiven Wüter „Bones“ und dem fantastisch geradlinigen „War Band“ (glücklich sind die Besitzer der Bonus-Track-Editionen des Albums), vermehrt ihre quirlige Seite aus. Allen voran „Dancing Shadow“ kommt eingängig und poppig daher, räumt verträumten Keyboardmelodien eine Menge Raum ein und groovt im Refrain regelrecht tanzbar (der Name ist Programm). Derweil bleibt die bandtypische Melancholie nicht aus und veredelt den filmischen Spannungsbogen von Stücken wie „The Lantern“ oder auch das opulent orchestrierte Finale „Despair“ zu mitreißenden Stücken zwischen Sehnsucht und Aufbruch. Es bleibt dabei: Amorphis gehören zur Sahnehaube der Metalzene.
15. Havukruunu – Tavastland

So aufrührerisch sich das Textkonzept von „Tavastland“ gestaltet (es geht um den Kampf des Finnenstammes der Tavasten gegen die Christianisierung ihrer Heimat), so heroisch klingt auch die Musik von Havukruunu. Epischer Heavy Metal trifft auf schwarzmetallische Urwüchsigkeit, wobei die dünnen Gitarren eine Stimmung zwischen Schneesturm und Marschmusik verbreiten. Entsprechend erhabene Kompositionen, wie das von tragischen Männerchören durchzogene „Yönsynty“, lassen da nicht lange auf sich warten. Die Raserei kommt aber auch nicht zu kurz. „Havukruunu ja talvenvarjo“ startet im Haudrauf-Modus und lässt erst nach drei Minuten die ersten epischen Chöre zu. Der stampfende Rhythmus wird vom prägnanten Bass und allerlei akustischen Elementen getragen, was den unkitschigen Folklore-Vibe der Musik noch stärker unterstreicht. Der Titeltrack rast im Anschluss über den Hörer hinweg, lässt aber auch Raum für Epik, die vom Bassspiel getragen wird und in ein, von rituellen Chören getragenes Ende mündet. Im Grunde bilden aufrührerische Black Metal-Raserei und epischer Heavy Metal die Ausgangspunkte der Musik auf „Tavastland“, wobei Havukruunu auch über Songlängen von bis zu fast elf Minuten („De miseriis fennorum“) fesseln und es verstehen keine Langeweile aufkommen zu lassen. Denn die epischen Musikgeschichten der Finnen wirken stets ehrlich rau und werden mitreißend vertont. Dass dabei auch allerlei Liebe zum Detail nicht vergessen wird (ein dominanter Bass hier, akustische Elemente da), verstärkt die Langlebigkeit dieses Albums.
16. Behemoth – The Shit Ov God

Inwieweit Behemoth es nötig haben durch Plakatspruch-Satanismus zu provozieren, ist bei einem Titel wie „The Shit Ov God“ natürlich fraglich. Aber anders als der Titel suggeriert, ist die Musik von Nergal und Co. kein klangliches Äquivalent zu ihrer Wortwahl. Stattdessen schaffen es die Herren mit Stücken wie „Sowing Salt“ oder „Lvciferaeon“ eine gewisse Dringlichkeit aufleben zu lassen, die auf den beiden Vorgängerwerken, vergleichsweise etwas kürzer kam. Dieser Eindruck wird auch von den weniger als vierzig Minuten Spielzeit untermauert. Behemoth verzichten weitestgehend auf überschüssigen Ballast und liefern stattdessen diabolischen Dampfhammer-Death Metal („To Drown the Svn in WIne“), setzen aber auch auf Atmosphäre. Dass dieses Zusammenspiel von Optik, Provokation und musikalischer Ästhetik immer noch sehr gut funktioniert, beweisen die Herren eindrucksvoll mit dem finalen Songdoppel „O Venvs Come!“/„Avgvr (The Dread Culture)“. Während ersteres, dank Posaunen und einer verschleppt-sakralen Stimmung marginale „The Satanist“-Vibes ausstrahlt, gelingt Behemoth mit dem Schlusssong ein kleines Death Metal-Epos, das mit charmantem Gespenster-Flair daherkommt, ohne an Druck zu verlieren. Dass Behemoth darüber hinaus immer noch in der Lage sind eine durchgängige Stimmung zwischen Epik und Brutalität zu erzeugen, ohne merklich an Qualität einzubüßen ist durchaus lobenswert.
17. Hate – Bellum Regiis

Hate legen auch mit „Bellum Regiis“ kompositorische, sowie atmosphärische Maßarbeit an der Schnittstelle von Death- und Black Metal, wobei die Atmosphäre diesmal eine etwas sperrige Tendenz in Richtung Schwarzton aufweist. Gleichzeitig werkeln die Polen vielseitig und unvorhersehbar wie lange nicht und stellen marschhafte Epik („The Vanguard“) neben vertrackte Schleicher, die sowohl nebulöses Grusel-Flair, als auch markante Riffkraft bereithalten („A Ghost of Lost Delight“). Dennoch sind sich ATF Sinner und seine Mannen der Kraft des Mystischen bewusst und liefern mit „Iphigenia“ einen dezent dissonanten Brecher, der u.a. durch opernhafte Frauengesang zusätzliche Tiefe mitbringt, wobei die instrumentale, sowie kompositorische Arbeit der Herren einmal mehr von Präzision und Hingabe zeugt. „Perun Rising“ schleppt sich leicht progressiv zu einem krachend Sturm hin und unterstreicht die markante Gitarrenarbeit, die auch in „Alfa Inferi, Goddess of War“ unter der atmosphärischen Wucht zwischen Kampf und Aufruhr hervor tritt. Dazwischen lassen akustische Gitarrenparts und Spoken Word-Passagen aufhorchen, füllen sie die dichte Atmosphäre doch mit noch mehr Intensität. „Prophet of Arkhen“ knüpft mit unheilvoller Melodik daran an und gräbt sich greifvogelklauengleich immer tiefer in Ohr und Herz des Hörers, wobei Bilder einer aufmarschierenden Reiterhorde, die diszipliniert, aber kampfeslustig ihre Gegner niedertrampelt keine unpassende Visualisierung der Ästhetik und des Sounds von Hate sind. Der finale Sturm „Ageless Harp of Devilry“ zieht den Hörer dann auch einmal durch die Black-Death-Manege und öffnet ein höllisch kreatives Feuerwerk, das in Sachen Gitarrenarbeit und Rhythmik majestätisch und durchschlagend zugleich klingt.
18. The Halo Effect – March Of The Unheard

Große Experimente sollte man auf „March Of The Unheard“ nicht erwarten, denn The Halo Effect servieren nach wie vor den Sound, welcher der Schweden-Combo im Blut liegt: Melodic Death Metal. Dass dabei die Vorgängerband sämtlicher Bandmitglieder immer wieder als Referenz auftaucht, verwundert nach wie vor nicht, schließlich hat sich Gitarrist Jesper Strömblad seinen melancholisch-melodischen Stil nicht erst seit gestern angeignet, sondern ihn auf Genre-Klassikern wie „Clayman“ oder „Come Clarity“ in der Szene zementiert. Dass hier also nach wie vor fähige Songschreiber am Werk sind, untermauern Stücke wie der düster-melodische Brecher „Our Channel to the Darkness“ oder das mit Widerhaken-Melodien ausgestattete „Cruel Perception“ mit Nachdruck. Im Vergleich zum Debüt liegt der Fokus bei „March Of The Unheard“ aber verstärkt auf Abwechslung. So überrascht etwa „This Curse of Silence“, das als getragenes Intro für den Titeltrack fungiert und dessen Grundstimmung passend vorwegnimmt, ohne dass der Hörer direkt auf einen knackigen Ohrwurm schließen kann. Dass ebenjener folgt, ist aber kaum ein Wunder. Dafür überrascht die Abwechslung innerhalb des eng gesteckten Genre-Rahmens in dem sich „March Of The Unheard“ bewegt, aber doch ein wenig. „Forever Astray“ etwa rast riffbetont voran, ehe der Refrain (vor allem gegen Ende des Stücks) in melancholischem Klargesang bietet. Damit bauen The Halo Effect eine spannende Brücke für „Between Directions“, das sich, von Streichern untermalt, in melancholischem Midtempo bewegt und gesanglich zwischen warmen Cleans und aggressiven Growls pendelt. „A Death Becomes Us“ und „The Burning Point“ bündeln zum Abschluss sämtliche Stärken des melodischen Götheborg-Death Metal und mit „Coda“ findet „March Of The Unheard“ einen akustisch orchestrierten Abschluss, der die Melodie von „This Curse Of Silence“ nochmal aufgreift und damit für eine stimmige Albumklammer sorgt.
19. Baest – Colossal

Gingen Baest auf dem Vorgänger vertrackter ans Werk als auf den ersten Alben, liebäugeln sie auf „Colossal“ vermehrt mit klassischem Hard Rock und klingen dadurch ein My schmissiger als bisher. Das bedeutet nicht, dass sich das ein- oder andere schwere Sperr-Riff nicht auch hier finden lässt („Colossus“), oder dass sich die Dänen einer wendungsreichen Death Metal-Achterbahnfahrt verschließen („In Loathe and Love“). Aber unterm Strich gehen die Songs geradliniger ins Ohr als zuletzt. Insofern gelingt auch das Feature mit D-A-D’s Jesper Binzer, der den Hard Rock-Vibe in „King of the Sun“ mit seinem Presskreischen hervorragend auf die Spitze treibt. Mit „Imp of the Perverse“ zeigen sich Baest derweil melodisch vertrackt, basteln zugleich aber ein schmissiges Groove-Monster, ehe „Misfortune Sun“ (inklusive Orm-Feature) im Anschluss Black Metal, Hard Rock und Death Metal-Groove in einen Topf wirft und sofort in den Nacken geht. Das Instrumental „Light of Beacons“ rückt dagegen die Melodiefähigkeit der Gitarristen in den Vordergrund und klingt deutlich vom Heavy Metal klassischer Prägung beeinflusst. Derartige Einschübe finden sich auch im Finale „Depraved World“, das in Sachen Gitarrenarbeit u.a. die ein- oder andere Reminiszenz an Bands wie Iron Maiden und Judas Priest bereithält und damit einen schnittigen Punkt unter ein durchweg spritziges Death Metal Album setzt.
20. Whitechapel – Hymns in Dissonace

Hatten sich Whitchapel mit den letzten beiden Alben zugunsten eines offeneren, melodischen Sounds ein wenig von ihren Deathcore Wurzeln wegbewegt, ist „Hymns in Dissonance“ nun ein Schritt zurück zur Basishärte der Amis. Dass dabei der Titel aber nicht zwingend Programm ist, zeigen die Texaner durch ihr kompositorisches Geschick, mit dem sie ihren Brutal-Deathcore wahlweise mit Hardcore-affiner Dringlichkeit aufpeppen (der Titeltrack), oder nervenzerrende Breakdowns mit Death Metal-Grooves verbinden und das Ganze in eine unheilvolle Atmosphäre einbetten („A Visceral Wretch“). Aber auch manch progressiver Schlenker findet sich in Stücken wie „Mammoth God“, das u.a. durch seine melodische Gitarrenarbeit für Abwechslung sorgt, ohne dass die Band merklich den Fuß vom Gaspedal nimmt. Unterm Strich beeindrucken Whitechapel auf „Hymns in Dissonance“ durch musikalische Brutalität, die sie aber doch mit Köpfchen darbieten. Dadurch klingt diese Deathcore-Wutbrumme niemals stumpf oder gar eintönig, sondern präsentiert eine Band die sich einer bewussten Wurzelbehandlung unterzieht und die eigene Liebe zur Brutalität neu entdeckt hat. Dass am Ende des finalen „Nothing is coming for any of us“ dennoch erstaunlich melodische Gitarrenharmonien erklingen, zeugt von einer kompositorischen Reife, die Brutalität nie zum Selbstzweck präsentiert, sondern den musikalischen Dunkelsturm als bewusste Ansage entfesselt.
Dominik Maier