1. Lorna Shore, Whitechapel, Shadow Of Intent, Humanity’s Last Breath Zenith München 31.01.2026
Das Konzertjahr 2026 könnte schlechter beginnen: Lorna Shore versprechen mit ihrer „I Felt The Everblack Festering Within Me“-Tour extremen Metal der Extraklasse und haben zur Unterstützung ein ansprechendes Bandpaket geschnürt. Den Anfang machen dabei Humanity’s Last Breath und die Schweden heizen der Menge mit einer gewaltigen Soundkulisse ein. Der verschleppte Extremsound erinnert hier und da an den Soundtrack zu einem Horrorfilm, wobei sich das vertrackte Songmaterial irgendwo zwischen Deathcore und Progressive Death Metal verortet. Langsam zehrende Grooves treffen auf manch dissonante Gitarrenarbeit, die immer wieder von kalten Elektronik-Sounds durchsetzt wird. Zusammen mit dem monoton tiefen Grollen des Sängers entwickelt die Musik eine apokalyptische Stimmung, die von der grell-flimmernden Lightshow visuell stark untermauert wird. Allerdings wirken die Songs sehr gleichförmig, sodass am Ende lediglich die apokalyptische Stimmung des Gigs im Gedächtnis bleibt. Die Umbaupausenmusik (seltsam unpassender Rap) führt im Anschluss zum Glück auf die falsche Fährte, denn Shadow Of Intent präsentieren ihren, von marginalen Electro-Effekten durchsetzten Deathcore mit bestechender Brillanz. Dabei ist nicht nur die Lightshow bereits ein Hingucker, auch die präzise Arbeit des Schlagwerkers sei hier mal stellvertretend für den fantastischen Job aller Musiker erwähnt. Dass der Frontmann darüber hinaus einen sympathischen Aggro-Goblin abgibt, stimmt in Erwartung auf den Headliner bereits fröhlich und die Stimmung in der Halle heizt sich merklich auf. Vor allem wenn die Band das Tempo anzieht und das große Orchester (leider aus der Konserve) von der Kette lässt, können Songs wie „Vehement Draconian Vengeance“, oder das Symphonic-Extrem-Drama „Infinity of Horrors“ (inklusive starken Backgroundgesängen der Saitenfraktion) mitreißen und ihre technische, sowie emotionale Brillanz voll entfachen. Überraschend starker Gig! Whitechapel setzen ihren Gig dann stilvoll und düster in Szene und präsentieren einen Backdrop, der das kultische Artwork ihres aktuellen Knalleralbums „Hymns in Dissonance“ abbildet. Musikalisches Kuscheln ist also endgültig vorbei, was auch der Einstieg mit dem Brutalo-Triple „Prisoner 666“, „Hymns in Dissonance“ und „A Visceral Retch“ mit Nachdruck untermauert. Ohne allzu viele Ansagen brüllkreischt sich Will Bozeman durch das Kracher-Set, das heute nur auf die ganz harte Keule setzt und neben dem aktuellen Album nur noch die Anfangsphase der Band berücksichtigt. Das Ergebnis sind (viel zu kurze) vierzig Minuten intensiver und schweißtreibender Aggro-Musik, die stets von einer düsteren Energie durchdrungen ist. Dass dabei bisweilen eine Menge Bewegung in die Meute kommt, passt gut ins Bild, wobei sich die Fans mit allzu rücksichtsloser Eskalation heute erfreulicherweise zurückhalten. Somit bleibt lediglich die knappe Spielzeit von vierzig Minuten als Manko zu bemerken, denn in dieser Form hätten es gerne noch ein bis zwei Songs mehr sein dürfen. Allerdings steht auch noch der Hauptact an und der lässt sich in Sachen Augenschmaus ebenso wenig lumpen, wie er sich musikalische Patzer erlaubt. Drumraiser, Backdrop und Seitenboxen sind komplett als Projektionsbildschirme aufgezogen, was die visuellen Effekte durchaus beeindruckend macht. Gleiches gilt nach wie vor für die Musik und so verwundert es nicht, dass bereits zum Eröffnungsdoppel „Oblivion“/„Unbreakable“ die Stimmung in der Halle kocht. Bezogen auf die erwähnten Effekte lassen sich Will Ramos und Co. ebenso wenig lumpen, wie in Sachen Musik. Zu „War Machine“ flimmern Bilder von Soldaten über die Bildschirme und zum ersten Breakdown zünden Rauchbomben am Dach der Bühne. Da es immer noch eine Indoor-Show ist, halten sich Lorna Shore mit Feuer ein wenig zurück, aber das schadet der Laune nicht. Will Ramos‘ energische Begrüßung wird entsprechend bejubelt, ehe „Sun//Eater“ und „Cursed To Die“ den ersten Rückblick gen „Pain Remains“ richten. Dabei fällt immer wieder auf, dass hier brillante Musiker am Werk sind, gleichzeitig kommt man als Zuschauer aber nicht umhin sich auszumalen, wie die Songs wohl mit Unterstützung eines leibhaftigen Orchesters wirken könnten. Allzu viel Zeit zum träumen bleibt aber nicht, denn mit „In Darkness“ drehen Lorna Shore nochmal an der Epik-Schraube, wobei sich speziell die Lichteffekte als starkes Element der Show herausstellen, denn das visuelle Gewitter treibt die kämpferisch-epochale Stimmung der Musik zusätzlich auf die Spitze. „Glenwood“ drückt im Anschluss erstaunlich schnell auf die Tränendrüse und das, obwohl die Kombination aus tragischem Text, melancholischen Gitarren und brachialen Grooves den Fans ordentlich einheizt. Dass der Refrain dabei gefühlt von der ganzen Crowd widerhallt, unterstreicht den emotionalen Ansatz den Will Ramos in diesem Song verarbeitet. „Prison Of Flesh“ unterbindet jedoch jedweden Anflug von Kuschelei und donnert als erbarmungsloses Musikgewitter durch die Halle. Die Visuals unterstreichen die beklemmende Atmosphäre perfekt wobei die Fans mehrere Pits und dergleichen anzetteln. Vor dem obligatorischen Finalhammer „Pain Remains 1-3“ verabschiedet sich Will Ramos kurz, aber dankbar von den Fans, die zu dem zwanzig minütigen Songtriple augenscheinlich das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen durchleben (hier wird geweint, gelacht, geschrien und vieles mehr). Dass die Band am Ende lediglich für eine einzige Zugabe auf die Bühne zurückkehrt, ist zwar mau, aber „To The Hellfire“ macht seinem Name auch heute alle Ehre und setzt die Halle sprichwörtlich in Brand. Damit bleiben an einem gelungenen Gig (neben der mauen Spielzeit) lediglich die Merch-Preise anzukreiden, denn vierzig Euro für ein T-Shirt, sechzig Euro für ein Sweatshirt und achtzig Euro für einen Hoodie sind einfach unzumutbar, noch dazu, wenn man weiß, dass bei Tour-Verkäufen weniger zusätzliche Margen (Vertrieb etc.) für den Verkauf von Merchandise anfallen. Wie es sich daher deuten lassen soll, dass die entsprechenden Stände doch einigermaßen anhaltend belagert werden, weiß der Geier.
2. Der W, Elm Street Kesselhaus München 14.03.2026
Stephan Weidner alias Der W geht wieder auf Solo-Reise (begleitet von seiner superb aufeinander eingespielten Band) und lädt zum Tanz ins lauschige Kesselhaus in München ein. Mit von der Partie sind die Australier von Elm Street, die den Fans des Frankfurter Unikats zunächst mit feinem Heavy Metal klassischer Prägung einheizen. Bei einer knappen Dreiviertel Stunde Spielzeit kommen die Besucher u.a. in den Genuss eines Covers von Judas Priests „Breaking the Law“, das, entgegen weitläufiger Meinungen zum Song generell erstaunlich frisch klingt. Aber auch das Eigenmaterial macht Laune und das nicht zuletzt wegen der Reibeisen-Krächzstimme des Frontmanns, der stilecht in Nietenweste über seine Gitarre shredded. Dass dennoch kaum ein Song wirklich nachhaltig im Ohr bleibt, ist weniger schlimm als gedacht, denn insgesamt gefällt der Gig durch das engagierte Stageacting der Musiker, bei dem der Bassist immer wieder als kleiner Bruder von U.D.O-Bassist Peter Baltes durchgehen könnte. Unterm Strich ernten Elm Street heute angemessenen Applaus, aber wirklich traurig ist auch niemand als die Band nach einer knappen Dreiviertelstunde die Bühne für den Meister räumt. Mit „Tränenmeer“ gräbt Der W direkt zu Beginn einen seiner stärksten Debütsongs aus, ehe „Meditation mit Kippe und Bier“ zum selbstkritischen Tanz anregt. Dass die Fans, textsicher wie eh und je, vom Fleck weg aus voller Kehle mitsingen, verleiht dem Gig eine familiäre Atmosphäre, die lediglich von den lauten ‘Stephan Weidner und seine Band‘-Chören unterbrochen wird. „An die, die wartet“ füllt die Halle mit nostalgischer Liebesstimmung, die sich zu „Mordballaden“ in aufgekratzter Energie umwandelt (auch weil Stephans Ansage gegen Scheinperfektion den Nagel auf den Kopf trifft). Und so geht es weiter im Programm, das mit jedem Song mehr und mehr zu einem Siegeszug für Der W wird. Das Stoner-Riffgewitter „Kosmogenesis“ geht dabei genauso unter die Haut wie das selbstreflektierte „Justitia“, bevor „Stille Tage im Klischee“ die Stimmung vollends überschwappen lässt. Mit gewitzten Ansagen zu aktuellen und persönlichen Themen wie Selbstwert oder dem Gefühl in einer Beziehung zwischen den Stühlen zu stehen, präsentiert sich Der W nahbar und emotional offenherzig wie eh und je, was Stücke wie den bedachten Groover „Haus aus Spiegeln“ zur livehaftigen Katharsis macht. Ähnlich tief wühlt „Schatten“, mit dem Stephan Weidner einen weiteren Blick zurück zu seinem 2008er Debütalbum wirft. Dabei offenbart sich immer wieder die anhaltende Klasse der Stücke, denn an Aktualität und musikalischer Qualität hat keiner der Songs etwas eingebüßt. „Machsmaulsauf“ regt als punkige Hymne gegen Konformität die Menge zum tanzen an. Dass der Refrain entsprechend lautstark durch die Halle schallt, ist dementsprechend logisch. Nachdem „Ein Lied für meinen Sohn“ balladeske Lebensfreude ausstrahlt und im Publikum für die eine oder andere Träne sorgt, geht’s mit „Mein bester Feind“ und dem „Geschichtenhasser“ wieder temperamentvoll weiter. Die Stimmung steigt immer mehr in Richtung Siedepunkt und auch die Musiker kommen aus dem Grinsen kaum mehr raus. „Mehr“ und die Fußballhymne „Gewinnen kann jeder“ sorgen sogar hier und da für den ein- oder andere fliegenden Bierbecher (vor Freude, versteht sich). Nach einer knappen Verabschiedung lässt „Urlaub mit Stalin“ als erste Zugabe sämtliche Fanchöre auf Knopfdruck anschwellen, ehe das metallisch groovende „Herz voll Stolz“ als persönliche Hymne von Der W, seiner Band und seinen Fans einen eindrucksvollen Schlusspunkt unter ein fantastisches Konzert setzt.
Dominik Maier